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ZukunftsBauer Schnitzler: Wie ein Hof auf der Alb Energie und Landwirtschaft in einem Kreislauf verbindet

Biogas, Agri-Photovoltaik und regionale Stoffkreisläufe – warum landwirtschaftliche Betriebe eine Schlüsselrolle für die Energiewende in Baden-Württemberg spielen.

Wenn morgens auf dem Hof der Familie Schnitzler in St. Johann auf der Schwäbischen Alb die Hühner in ihren Auslauf strömen, bewegen sie sich unter einer ungewöhnlichen Konstruktion: Über der Wiese drehen sich Solarmodule langsam Richtung Sonne. Darunter scharren die Tiere im Gras und finden Schutz vor Greifvögeln und Hitze. Landwirtschaft und Energieproduktion greifen hier ineinander. Ein Beispiel dafür, wie Energiewende auf landwirtschaftlichen Betrieben funktionieren kann.

Peter Schnitzler hat den Betrieb über viele Jahre aufgebaut. Inzwischen hat sein Sohn Simon den Hof übernommen. Heute führen Vater und Sohn den Familienbetrieb gemeinsam und entwickeln ihn Schritt für Schritt weiter. „Unser Ziel ist eine funktionierende Kreislaufwirtschaft“, sagt Simon Schnitzler. „Alles, was wir auf unseren Flächen erzeugen, wird wieder sinnvoll in den Betrieb zurückgeführt.“ Der Betrieb zeigt damit beispielhaft, welche Rolle landwirtschaftliche Betriebe in der Energiewende spielen können und warum politische Entscheidungen darüber bestimmen, ob solche Konzepte langfristig Bestand haben.

Landwirtschaft als Fundament

Rund 70 Prozent der hofeigenen Flächen des Betriebs sind Wiesen und Weiden, auf den übrigen Äckern wachsen unter anderem Weizen für die Hühnerfütterung, Mais für die Biogasanlage sowie Urgetreide wie Emmer und Dinkel, aus denen im Hofladen eigenes Mehl vermarktet wird. Immer wieder probiert der Betrieb auch neue Kulturen aus, wie z.B. Kichererbsen, die in der regionalen Gastronomie zunehmend gefragt sind. Der Betrieb wird von der Familie gemeinsam mit Mitarbeitenden unter der Marke „Erdreich“ geführt. Neben der Geflügelhaltung und der Direktvermarktung bildet vor allem die Energieproduktion ein wichtiges Standbein. „Wir sind Unternehmer“, sagt Peter Schnitzler. „Wir bewirtschaften unsere Flächen nicht zum Selbstzweck, sondern um Familien zu ernähren: unsere eigene, die unserer Mitarbeitenden, aber auch die gesamte Bevölkerung.“

Biogas – das Herzstück der Kreislaufwirtschaft

Seit fast 20 Jahren betreibt der Hof eine Biogasanlage. Was einst mit 180 Kilowatt Leistung begann, wurde über die Jahre erweitert und flexibilisiert. Heute kann die Anlage rund 490 Kilowatt Strom erzeugen und kurzfristig bis zu einem Megawatt Leistung bereitstellen. Der Strom wird vollständig ins Netz eingespeist und über einen Direktvermarkter verkauft. Gerade diese Flexibilität ist ein wichtiger Vorteil im Energiesystem: Während Wind und Sonne schwanken, kann Biogas genau dann Strom liefern, wenn er im Netz benötigt wird. „Biogas ist vielleicht die teuerste erneuerbare Energie in der Herstellung“, sagt Simon Schnitzler. „Aber sie ist auch die planbarste. Wir können genau dann Strom produzieren, wenn andere erneuerbare Energien gerade wenig liefern.“ Die Anlage wird mit Substraten des eigenen Betriebs oder Nachbarhöfen betrieben: Gras vom Grünland, Mais und Getreide aus der Region. Die entstehenden Gärreste gelangen anschließend wieder als Dünger auf die Felder. 

Wenn Biogasanlagen verschwinden

Doch genau dieses System steht aktuell unter enormen Druck. Für viele Biogasanlagen läuft in den kommenden Jahren die 20-jährige Förderung nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) aus, auch für die Anlage der Familie Schnitzler. Zwar gibt es neue Ausschreibungsmodelle für eine Anschlussförderung. Für viele landwirtschaftliche Betriebe sind diese Verfahren jedoch schwer kalkulierbar. „Wir haben inzwischen einen großen Investitionsstau“, sagt Simon Schnitzler. „Es macht keinen Sinn, viel Geld in eine Anlage zu investieren, wenn man nicht weiß, ob sie in ein paar Jahren noch betrieben werden kann.“ Dabei hätte das Auslaufen vieler Anlagen Folgen weit über einzelne Betriebe hinaus.

Warum Biogasanlagen überhaupt eine Förderung brauchen, ist vielen Menschen außerhalb der Landwirtschaft kaum bewusst. Anders als Wind- oder Solaranlagen arbeiten sie mit landwirtschaftlichen Rohstoffen, organischen Reststoffen und komplexer Technik. Betrieb, Wartung und Substrate verursachen laufende Kosten. Gleichzeitig erfüllen Biogasanlagen eine wichtige Aufgabe im Energiesystem: Sie können Strom flexibel erzeugen – genau dann, wenn Wind und Sonne gerade wenig liefern. Hinzu kommt die aktuelle Situation am Strommarkt. Die Preise schwanken teilweise stark und sind für Betreiber kaum planbar. Für landwirtschaftliche Familienbetriebe, die Investitionen über Jahrzehnte hinweg kalkulieren müssen, ist ein solch volatiler Markt kaum eine verlässliche Grundlage. Die Vergütung über das EEG sorgt deshalb für die nötige Planungssicherheit. Sie ermöglicht es Betrieben, Anlagen zu betreiben, die nicht nur Strom erzeugen, sondern auch wichtige Systemleistungen für die Energiewende erbringen.

Biogasanlagen sind in vielen Regionen ein zentraler Bestandteil regionaler Stoffkreisläufe. Sie verwerten Gras vom Grünland, Zwischenfrüchte, Mist oder organische Reststoffe aus der Lebensmittelproduktion. Ohne diese Anlagen würden viele dieser Materialien kaum noch sinnvoll genutzt werden können. Gerade in Regionen mit viel Grünland, z.B. hier auf der Schwäbischen Alb, spielt das eine besondere Rolle. Das sind Flächen, auf denen kaum andere Lebensmittel angebaut werden können. „Wenn immer weniger Tiere gehalten werden und gleichzeitig Biogasanlagen verschwinden, bleibt das Gras irgendwann übrig“, erklärt Peter Schnitzler. „Dann weiß irgendwann keiner mehr, wohin damit.“ Auch für die Kulturlandschaft hätte das Folgen. Wiesen würden weniger genutzt, Pflege und Bewirtschaftung gingen zurück und damit auch jene Landschaft, die viele Menschen in Baden-Württemberg schätzen. Darüber hinaus spielen Biogasanlagen auch für Kommunen eine wichtige Rolle. In vielen Regionen sind sie Teil der Infrastruktur zur Verwertung organischer Reststoffe und stabilisieren gleichzeitig das Stromnetz. „Biogas kann genau dann einspringen, wenn Wind und Sonne gerade wenig liefern“, sagt Simon Schnitzler. „Diese Flexibilität wird im Energiesystem immer wichtiger.“

Agri-Photovoltaik: Energie und Landwirtschaft auf derselben Fläche

Parallel zur Biogasanlage setzt der Betrieb auf eine weitere Innovation: Agri-Photovoltaik. Auf einer Grünlandfläche im Auslauf der Legehennen entsteht derzeit eine PV-Anlage mit 999 Kilowatt Leistung. Die Module werden auf 2,30 Meter Höhe aufgeständert und können in Ost-West-Richtung geschwenkt werden. So produziert die Anlage auch morgens und abends Strom, also genau zu den Zeiten, in denen er besonders gebraucht wird. Der Vorteil: Die Fläche bleibt weiterhin landwirtschaftlich nutzbar. „Wir verlieren weniger als zehn Prozent der Fläche“, erklärt Simon Schnitzler. „Unsere Hühner können den Auslauf weiterhin nutzen und profitieren sogar davon.“ Denn die Module bieten Schutz vor Greifvögeln und starker Sonneneinstrahlung. Dadurch nutzen die Tiere den Auslauf stärker und verteilen sich besser über die Fläche, ein Vorteil sowohl für das Tierwohl als auch für den Boden.

Energiewende mit landwirtschaftlicher Handschrift

Der Betrieb der Familie Schnitzler zeigt, wie Energieerzeugung und Landwirtschaft zusammengedacht werden können. Große Solarparks auf Ackerflächen sehen sie hingegen kritisch. „Wenn landwirtschaftliche Flächen komplett aus der Lebensmittelproduktion herausfallen, ist das keine nachhaltige Lösung“, sagt Peter Schnitzler. Agri-Photovoltaik sei dagegen ein sinnvoller Kompromiss: Energie erzeugen und gleichzeitig Landwirtschaft betreiben. Der Weg zur eigenen Agri-PV-Anlage war für die Familie allerdings alles andere als selbstverständlich. Über ein Jahr lang beschäftigten sich Simon und Peter Schnitzler mit Planung, Genehmigungen und Technik. „Ein echtes Netzwerk oder fertige Lösungen gab es damals kaum“, erinnert sich Simon Schnitzler. „Wir haben einfach angefangen zu telefonieren, Angebote einzuholen und uns mit anderen Betrieben auszutauschen.“ Vieles sei letztlich beim Machen entstanden.

Ein wichtiger Rat des Junglandwirts an Berufskollegen: möglichst viel Wissen im Betrieb selbst aufbauen und Projekte nicht vorschnell aus der Hand geben. „Viele Firmen möchten sich beteiligen oder langfristige Rechte sichern. Da sollte man genau hinschauen. Wenn man alles bei sich behält, bleibt die Wertschöpfung auch wirklich auf dem Hof.“ Auch bei der Planung habe man einiges gelernt. Die Standortwahl spiele eine entscheidende Rolle: Möglichst ebene Flächen und eine rechteckige Form erleichtern Bau und Planung erheblich. „Wir haben unsere Anlage etwas verwinkelt gebaut, das macht vieles komplizierter und teurer“, sagt Simon Schnitzler rückblickend. Gleichzeitig sei es wichtig, frühzeitig das Gespräch mit Behörden und Kommunalpolitik zu suchen. Auf dem Hof der Schnitzlers hätten sich Ortschaftsrat, Gemeinderat und Behörden vor Ort früh selbst ein Bild gemacht. „Für viele war das Thema neu. Wenn die Menschen sehen, wie so eine Anlage funktioniert, wächst das Verständnis schnell.“

Blick in die Zukunft

In zehn Jahren soll der Betrieb noch stärker als Kreislaufsystem funktionieren: mit regionaler Lebensmittelproduktion, eigener Energieerzeugung und der Verwertung von Reststoffen aus Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion. Die Biogasanlage soll dabei weiterhin ein zentraler Baustein bleiben, möglicherweise kleiner als heute, aber stärker auf Reststoffe ausgerichtet. Ob dieses Modell eine Zukunft hat, hängt jedoch auch von den politischen Rahmenbedingungen ab. Sollten viele Biogasanlagen in Deutschland stillgelegt werden, würde das nicht nur die Energieversorgung betreffen. Auch regionale Stoffkreisläufe, die Nutzung von Grünlandflächen und wichtige Einnahmequellen landwirtschaftlicher Familienbetriebe wären betroffen. 

Für Simon Schnitzler ist das auch eine Frage der Generationen: „Wir Landwirte denken in Generationen. Mein Vater hat diesen Betrieb aufgebaut und ich möchte ihn so weiterentwickeln, dass er auch in Zukunft bestehen kann.“ Der Hof der Familie Schnitzler zeigt damit beispielhaft, welches Potenzial in der Landwirtschaft steckt – für die Energieversorgung, für regionale Kreisläufe und für eine nachhaltige Zukunft. Oder wie Peter Schnitzler es formuliert: „Die Energiewende funktioniert nur mit der Landwirtschaft, nicht ohne sie.“

Bitte beachten Sie: Dieses Feature inkl. Fotos können Sie unter Angabe der Quelle für Ihre Berichterstattung honorarfrei nutzen. 

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Eine weitere Ausgabe zum Thema Erneuerbare Energien ist in Vorbereitung.

Der Landesbauernverband in Baden-Württemberg e. V. (LBV) vertritt rund 30.000 Landwirte aus Baden-Württemberg. 20 selbstständige Kreisbauernverbände nehmen auf regionaler Ebene die Interessen des bäuerlichen Berufsstandes wahr. Insgesamt ist jeder zehnte Arbeitnehmer in Baden-Württemberg direkt oder indirekt von der Landwirtschaft abhängig.