Wenn man über die Apfelplantagen von Hubert Bernhard in Kressbronn am Bodensee geht, fällt der Blick nicht nur auf die Bäume, sondern auch nach oben. Dort, wo früher Hagelnetze gespannt waren, fangen heute Solarmodule das Licht ein. Darunter wachsen Äpfel, darüber entsteht Strom. Zwei Ernten auf einer Fläche – und eine Idee, die zeigt, wie Landwirtschaft auf den Klimawandel reagieren kann. Der Obsthof Bernhard ist ein familiengeführter Sonderkulturbetrieb mit rund 90 Hektar Fläche. Gemeinsam mit seiner Tochter Sina und seinem Team baut Hubert Bernhard Äpfel (60 ha), Hopfen (23 ha) sowie Erd- und Strauchbeeren an.
ZukunftsBauer Bernhard: Wie ein Obsthof am Bodensee Äpfel und Strom gleichzeitig erntet

Zwei Ernten auf einer Fläche: Obstbaumeister Hubert Bernhard zeigt, wie Agri-Photovoltaik den Obstbau widerstandsfähiger macht und warum sie für ihn eine Investition in die nächste Generation ist.
Mehr Sicherheit für die nächste Generation
Die Idee, Obstbau und Stromproduktion zu kombinieren, entstand nicht aus Neugier allein. Sie war eine Antwort auf wachsende Unsicherheiten. Spätfröste, Hagel, zunehmende Hitzeperioden und Sonnenbrandschäden setzen den Kulturen immer stärker zu. Gleichzeitig verändern sich politische und gesellschaftliche Rahmenbedingungen. „Ich habe mich gefragt: Wie kann ich den Betrieb so aufstellen, dass er auch in Zukunft Bestand hat?“, erinnert sich Bernhard. Seine Antwort: die Fläche doppelt nutzen. „Mein Ziel war, 180 Prozent aus der Fläche zu holen – 100 Prozent Strom und 80 Prozent Ertrag im Obstbau.“ Auch die anstehende Hofübergabe spielte dabei eine entscheidende Rolle. „So eine Investition macht man nicht allein für sich selbst, sondern für die nächste Generation“, sagt er. Dass seine Tochter den Weg mitgeht, war für ihn entscheidend: „Sina ist genauso innovativ und experimentierlustig wie ich – sie war sofort mit Begeisterung dabei“, lächelt er stolz.
Ein zusätzlicher Auslöser für seine Überlegungen war auch die damalige Diskussion rund um das Volksbegehren „Rettet die Bienen“. Da rund 90 Prozent seiner Flächen im Landschaftsschutzgebiet liegen, hätte ein mögliches Pflanzenschutzverbot massive Auswirkungen auf den Betrieb gehabt. „Da habe ich mir gedacht: Ich brauche ein System, das mich unabhängiger macht und den Pflanzenschutz reduziert“, so Bernhard.

Vom Versuch zur Pionieranlage
Bis die ersten Module installiert waren, vergingen zwei Jahre. Planung, Genehmigungen und Förderanträge verlangten Geduld, nicht zuletzt durch Verzögerungen während der Corona-Zeit. Schließlich wurde der Obsthof Teil der Modellregion Agri-PV Baden-Württemberg. Seine Anlage ist dabei eine Besonderheit: Sie wurde direkt in eine bestehende Apfelanlage integriert und lieferte damit schnell die ersten Versuchsergebnisse. Ein Novum in Deutschland. Gefördert wurde das Projekt im Rahmen der Modellregion Agri-PV Baden-Württemberg, es wird nach wie vor wissenschaftlich begleitet. Rund die Hälfte der Investitionskosten wurde über das Land abgedeckt. Im Gegenzug wird der erzeugte Strom aktuell vollständig ins Netz eingespeist.
Im Kollegenkreis war die Skepsis zunächst groß. Zu wenig Licht, geringere Erträge – diese Bedenken standen im Raum. „Das war auch meine Sorge“, sagt Bernhard offen. „Aber ich wollte es einfach wissen.“ Heute zeigt sich: Der Mut hat sich ausgezahlt.
Weniger Pflanzenschutz, weniger Wasser, mehr Stabilität
Die Agri-PV-Anlage funktioniert im Prinzip wie eine klassische Freiflächenanlage, aber mit einem entscheidenden Unterschied: Die Module sind lichtdurchlässig. Auf dem Obsthof Bernhard kommen Varianten mit 40 und 50 Prozent Lichtdurchlass zum Einsatz, um herauszufinden, welche Bedingungen für Pflanzenwachstum und Stromertrag optimal sind. Unter den Solarmodulen herrscht ein eigenes Mikroklima. Die Bäume stehen trockener, die Luft zirkuliert besser, die Temperaturen sind ausgeglichener. „Das System funktioniert super“, sagt Bernhard überzeugt.
Die Auswirkungen auf den Obstbau sind deutlich spürbar. Da die Bäume mehr im Trockenen stehen, sinkt der Druck durch Pilzkrankheiten erheblich. „Wir können den Pflanzenschutz um 70 bis 80 Prozent reduzieren“, erklärt der Betriebsleiter. Auch gegen Hagel bietet die Anlage vollständigen Schutz. Die klassischen Netze fungieren als Ergänzung zwischen den Reihen. In heißen Sommern sorgt die Beschattung dafür, dass die Verdunstung deutlich geringer ist. „Wir sparen in solchen Phasen bis zu 30 oder 40 Prozent Wasser“, so Bernhard.
Ganz ohne Herausforderungen ist das System jedoch nicht. Nicht jede Apfelsorte eignet sich für den Anbau unter den Modulen. Und auch die Erträge können je nach Jahr schwanken. „Im Schnitt rechnen wir mit maximal zehn Prozent weniger Ertrag, aber gleichzeitig fallen andere Risiken deutlich geringer aus“, ordnet Bernhard ein. Ein entscheidender Punkt ist dabei die Sortenwahl. „Wir müssen gezielt die Sorten auswählen, die mit den veränderten Lichtverhältnissen gut zurechtkommen“, erklärt er. Deshalb testet Bernhard auf seinem Betrieb kontinuierlich neue Sorten und Anbausysteme, um das Optimum für den Anbau unter den Modulen zu finden.
Im laufenden Betrieb zeigt sich die Anlage jedoch überraschend unkompliziert. Der Wartungsaufwand ist bislang gering, die Module mussten bisher kaum gereinigt werden und laufen stabil.
Ein Baustein der Energiewende
Neben den Effekten für den Obstbau liefert die Anlage auch einen Beitrag zur Energieversorgung. Die Pilotfläche von rund 0,4 Hektar erreicht im Spitzenwert eine Leistung von etwa 240 Kilowatt – genug, um rund 70 Haushalte mit Strom zu versorgen. Für Bernhard ist das mehr als ein zusätzlicher Betriebszweig. „In Jahren mit schwacher Ernte kann die Stromproduktion helfen, die wirtschaftlichen Schwankungen abzufedern“, sagt er. Gerade im Sonderkulturbereich, der stark vom Wetter abhängt, sei das ein entscheidender Vorteil. Langfristig sieht er in Agri-PV ein großes Potenzial für die Landwirtschaft. Sein wichtigster Tipp an Berufskollegen: frühzeitig die Netzanbindung klären. „Ohne eine gesicherte Netzzusage braucht man gar nicht erst anfangen“, betont Bernhard. Erst wenn klar ist, dass der erzeugte Strom eingespeist werden kann, lasse sich ein solches Projekt realistisch planen.
Ein weiterer Effekt zeigt sich im gesellschaftlichen Umfeld. Während klassische Freiflächen-Photovoltaik in der touristisch geprägten Bodenseeregion (und auch darüber hinaus) oft kritisch gesehen wird, stößt die Kombination mit Landwirtschaft auf deutlich mehr Zustimmung. Mehr als 3.000 Besucher haben sich die Anlage auf dem Obsthof Bernhard bereits angesehen, darunter Landwirte, Fachleute und interessierte Bürgerinnen und Bürger. „Die meisten sagen am Ende: Genau so sollte man es machen“, berichtet Bernhard.
Zukunft mit Augenmaß gestalten
Trotz aller Chancen sieht der Obstbaumeister die Agri-PV nicht als Allheilmittel. „Das wird nicht jeden Betrieb retten“, sagt er offen. Entscheidend sei, dass die Wertschöpfung in der Landwirtschaft bleibt und die Rahmenbedingungen stimmen, etwa beim Netzausbau oder bei der Vergütung. Gerade beim Netzausbau sieht Bernhard noch großen Handlungsbedarf. „Es kann nicht sein, dass wir bereit sind zu investieren, aber dann an fehlenden Kapazitäten scheitern“, sagt er. Zudem brauche es verlässliche Rahmenbedingungen, damit auch kleinere und mittlere Betriebe solche Projekte umsetzen können und die Wertschöpfung nicht bei großen Energieunternehmen landet.
Für seinen eigenen Betrieb blickt er dennoch optimistisch nach vorn. Weitere Anlagen sind bereits in Planung. „Wenn wir die Möglichkeiten bekommen, werden wir den Weg weitergehen“, sagt Bernhard. Eine zweite Agri-PV-Anlage wird derzeit bereits umgesetzt: Anfang April haben die Bauarbeiten begonnen, die Ständer stehen schon, als nächstes folgt die Dachkonstruktion. Anfang Juli sollen die Solarpaneele installiert werden, Ende Juli soll die Anlage ans Netz gehen. Wieder werden darunter Apfelbäume gedeihen. Der Vorteil: Der notwendige Netzanschlusspunkt ist auf dem Betrieb bereits vorhanden. Dadurch verlief der Planungs- und Genehmigungsprozess diesmal deutlich schneller. „Das ist aktuell eines der größten Probleme für viele Betriebe“, sagt Bernhard. „Ohne gesicherte Netzanbindung kommt man bei solchen Projekten oft gar nicht erst weiter.“ Für Bernhard ist klar: Wenn die Rahmenbedingungen stimmen, wird er den Ausbau konsequent weiterverfolgen.
Wer heute durch die Anlage auf dem Obsthof Bernhard geht, sieht mehr als nur eine technische Lösung. Man sieht, wie sich Landwirtschaft verändert. Unter den Modulen wachsen Äpfel, darüber wird Strom erzeugt und dazwischen entsteht ein neues Verständnis davon, wie Flächen genutzt werden können. Die Energiewende wird nicht nur auf Dächern und in Windparks entschieden – sondern auch hier, in Obstplantagen wie dieser am Bodensee. Für Hubert Bernhard ist das längst keine Vision mehr, sondern gelebte Praxis. Und vielleicht ein Vorgeschmack auf das, was vielerorts noch kommen könnte.
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3.2 ZukunftsBauer Bernhard: Wie ein Obsthof am Bodensee Äpfel und Strom gleichzeitig erntet (Hier »)
Weitere Ausgaben zu diversen Themen der Landwirtschaft sind in Planung.
Der Landesbauernverband in Baden-Württemberg e. V. (LBV) vertritt rund 30.000 Landwirte aus Baden-Württemberg. 20 selbstständige Kreisbauernverbände nehmen auf regionaler Ebene die Interessen des bäuerlichen Berufsstandes wahr. Insgesamt ist jeder zehnte Arbeitnehmer in Baden-Württemberg direkt oder indirekt von der Landwirtschaft abhängig.



