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Rukwied: Getreidepreise decken nicht die Kosten – Gemeinsame Anstrengungen im Absatz nötig

Landesbauernverband erwartet überdurchschnittliche Getreideernte – Regen verzögert gebietsweise den Mähdrusch – Notierungen an den internationalen Rohstoffbörsen dramatisch gefallen – Präsident Rukwied fordert stärkere Anwendung neuer Vermarktungsinstrumente und Einführung einer Risikoausgleichsrücklage

„Verträge über den Getreideverkauf bereits vor der Ernte können bei zunehmend freien und dynamischen Märkten die Vermarktungsrisiken mindern. Das zeigt sich in der diesjährigen Saison erneut. Bereits im vergangenen Jahr haben landwirt-schaftliche Unternehmen, die solche Vorkontrakte abgeschlossen hatten, für Getreide und Ölsaaten deutlich höhere Preise erzielt als Betriebe, die zu Tagespreisen aus der Ernte heraus verkauften. Wir sind deshalb aufgefordert, die neuen Instrumente der Preisabsicherung gemeinsam mit unseren Marktpartnern weiterzuentwickeln und in noch stärkerem Umfang anzuwenden.“ Das erklärt Präsident Joachim Rukwied anlässlich der Erntepressekonferenz des Landesbauernverbandes in Baden-Württemberg (LBV) am 18. August 2009 in Stuttgart.

Aufgrund der zunehmenden Ver- und Einkaufsrisiken auf den landwirtschaftlichen Märkten macht sich Rukwied für die Einführung einer Risikoausgleichsrücklage stark. „Den Landwirten wird dadurch ermöglicht, effektiv Eigenvorsorge zu betreiben“, erläutert der Bauernpräsident. „In guten Jahren könnte ein Teil der Erlöse zurückgelegt werden. In schlechten Jahren stünde dieses Geld sofort zur Verbes-serung der Liquidität zur Verfügung. Eine solche Rücklage wäre ein weiteres wichtiges Instrument im umfassenden Risikomanagement der Landwirtschaft.“

Die Marktentwicklung stellt sich für die Landwirte völlig unbefriedigend dar. „Seit dem Hochpunkt 2007 zeigt der weltweite Preistrend für Getreide nach unten. Die Börsennotierungen liegen rund ein Drittel unter dem Vorjahresniveau. Die Getrei-depreise aus der Ernte heraus decken meist nicht mehr die Produktionskosten. Viele Getreideerzeuger kommen aufgrund dieser Marktsituation in wirtschaftliche Schwierigkeiten“, erläutert Rukwied. „Jetzt sind höchste Anstrengungen der Vermarkter notwendig, um die Ernte bestmöglich zu verkaufen“, fordert Rukwied.

„Wir erwarten zwar in Deutschland und Europa wie im Jahr 2008 eine überdurch-schnittliche Getreideernte. Dennoch könnte das Angebot auf eine entsprechende Nachfrage stoßen. Es besteht somit die Hoffnung, dass sich der Markt mittelfristig wieder stabilisiert“, betont Rukwied.

Erzeugerpreise aus der Ernte rund ein Drittel niedriger als 2008

Im August 2007 lagen die Erzeugerpreise für Brotweizen bei rund 180 (170 bis 200) Euro je Tonne zuzüglich Mehrwertsteuer. 2008 betrugen sie zur selben Zeit 160 (150 bis 170) Euro. Derzeit werden nur 110 (100 bis 120) Euro je Tonne notiert. Das sind gegenüber dem Vorjahr im Schnitt 50 Euro oder über 30 Prozent weniger. Der Rückgang binnen zwei Jahren beträgt 70 Euro oder ca. 40 Prozent.

„Vor zwei Jahren lief die Preiskurve noch nach oben. Der Markt hat sich dann jedoch aufgrund der weltweit besseren Ernteaussichten und wieder stärker gefüllten Getreidelager gedreht“, beschreibt Rukwied die Entwicklung. „Die Landwirte wollen auch zukünftig die Rohstoffbasis für die Agrar- und Ernährungswirtschaft im Land sichern. Dazu müssen wir uns noch besser gegen die enormen wirtschaftlichen Risiken aus den steigenden Marktschwankungen wappnen“, unterstreicht er.

Die Preisentwicklung an den Energie- und Betriebsmittelmärkten bereitet Rukwied große Sorge. Bis Januar 2009 haben sich die Preise für Mineraldünger binnen Jahresfrist mehr als verdoppelt. Als die Düngerpreise wieder sanken, hatten viele Landwirte ihren Saisonbedarf bereits gedeckt. „Wir brauchen auch für die Beschaffungsmärkte neue Instrumente zur Absicherung des Preisrisikos. Hier sind unsere Marktpartner gefordert“, erklärt der Bauernpräsident.

Etwa 80 Prozent des Getreides in Baden-Württemberg eingebracht

Etwa 80 Prozent des Getreides ist in Baden-Württemberg geerntet. In den Spätdruschgebieten wie auf der Schwäbischen Alb, der Baar und im Schwarzwald stehen noch bis zu etwa 50 Prozent auf dem Halm, vor allem Hafer, Weizen und Braugerste. Regenfälle haben in dieser Saison den Mähdrusch immer wieder verzögert. Teilweise kam es dadurch zu Qualitätseinbußen.

Die Erträge liegen bisher im fünfjährigen Vergleich über dem Durchschnitt. Es zeichnet sich eine Ernte leicht unter dem hohen Vorjahresniveau ab.
Die Qualitäten sind im Schnitt zufriedenstellend. Allerdings gibt es große Unter-schiede zwischen den einzelnen Kulturarten und Regionen. Heftige Hagelunwetter führten gebietsweise zu hohen Ertragsverlusten.

Einzelne Fruchtarten im Überblick

  • Weizen: Durchschnittliche bis hohe Hektarerträge; überwiegend zufriedenstellende Qualitäten; Proteinwerte allerdings vielfach niedrig.
  • Wintergerste: Häufig sehr gute Erträge, teilweise leicht über Vorjahr; überwiegend gute bis sehr gute Qualitäten mit Hektolitergewichten von 60 bis 70 Kilogramm; verzögerter Erntebeginn wegen Regens; teilweise Trocknung nötig.
  • Sommergerste: Meistens gute bis sehr gute Erträge, Proteinwerte neun bis 11,5 Prozent, Vollgerstenanteile 92 bis 97 Prozent; gute Mälzeigenschaften.
  • Roggen: Überdurchschnittliche Hektarerträge; Qualitäten überwiegend gut; teilweise Auswuchs durch Niederschläge.
  • Raps: Häufig sehr gute Erträge bis zu über 5 Tonnen je Hektar (t/ha); gute Ölgehalte von 42 bis 43 Prozent; Ware meist trocken (7 bis 9 Prozent Feuchte).


Ökologischer Getreidebau

Preise unter Druck; Preisminus 20 bis 25 Prozent. Große regionale Unterschiede bei Ertrag und Qualität aufgrund der unterschiedlichen Standortbedingungen.

  • Weizen: Erträge guter Durchschnitt bis überdurchschnittlich, 4,5 t/ha, gute Fallzahlen, teils unbefriedigende Proteingehalte, deutlich geringer als 2008.
  • Roggen: Leicht überdurchschnittliche Erträge, 3,5 bis 4,5 t/ha; gute Fallzahlen; am stärksten vom Preisdruck betroffen.
  • Dinkel: mittlere bis leicht überdurchschnittliche Erträge, 3,5 bis 4 t/ha; häufig hohe Proteinwerte.
  • Hafer: Sehr gute Erträge, 4 bis zu 5 t/ha; Hauptanbaugebiete noch nicht gedroschen; bisher gute Qualitäten.
  • Braugerste: Preisentwicklung positiv; gute Qualitäten.




Hintergrundinformationen

Getreidewirtschaftsjahr 2007/08 (30. Juni)

  • Nachfrage liegt weltweit über der Getreideproduktion.
  • Erstmals setzt die EU ihre Getreideeinfuhrzölle aus.
  • Die obligatorische, also verbindliche Flächenstilllegung wird ebenfalls erstmals seit ihrer Einführung in der EU ausgesetzt.

Getreidewirtschaftsjahr 2008/09

  • Erstmals seit Jahrzehnten sind die staatlichen Getreidelager leer.
  • Rekordernte in Deutschland: ca. 50 Mio. t; 4,7 Mio. t über zehnjährigem Mittel.
  • Obligatorische Flächenstilllegung aufgehoben.
  • Preisrückgang seit Frühjahr 2008, Überangebot und Wirtschaftskrise als Ursachen.

Getreidewirtschaftsjahr 2009/10 (am 1. Juli begonnen)

  • Zu Beginn rund 70 Mio. t Getreide in EU-Lagern.
  • Getreideanbaufläche (Ernte 2009) in Baden-Württemberg (-2,8 Prozent), Deutschland (-1,2 Prozent) und in der EU (-2 Prozent) zurückgegangen.

Mineraldüngung

  • Insbesondere bei Stickstoff fehlten günstige Angebote aus Osteuropa.
  • Hersteller haben Produktionskapazitäten über Jahre hinweg reduziert.
  • Weltweit steigende Nachfrage.
  • Preishoch an den Getreide- und Ölsaatenmärkten wecken Begehrlichkeiten.
  • Viele Landwirte haben den Einsatz von Phosphor und Kali stark reduziert. Dies wirkt sich nicht unmittelbar auf den Ertrag aus. Doch sobald die Bodenvorräte sinken, wird das Wiederauffüllen teuer.
  • Stickstoff muss exakt nach Bedarf gedüngt werden. Hier kann auf Preis-schwankungen nicht mit verringerten Düngermengen reagiert werden.

Aktuelle Fotos von Präsident Joachim Rukwied können Sie im Internet unter dem Menüpunkt „Presse“ auf www.lbv-bw.de herunterladen.

 

Downloads:

Download Hintergrundinformationen zur Ernte 2009 (PDF)
Download Anbau der wichtigsten Kulturarten in Baden-Württemberg (PDF)
Download Pressemitteilung (PDF)

18.08.2009

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