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Feuchtes Wetter führt zu Ernteverlusten +++ 30.08.2006 +++
Präsident Hockenberger: Höhere Getreidepreise dringend erforderlich – Rohstoffverteuerung kein Grund für Erhöhung der Brot- und Bierpreise
Präsident Gerd Hockenberger fasste auf der Erntepressekonferenz des Landesbauernverbandes (LBV) am 29. August 2006 in Stuttgart den aktuellen Erntestand in Baden-Württemberg wie folgt zusammen:
„Anfang Juli lief die Getreideernte in den Frühdruschgebieten im Rheintal an. Wintergerste brachte dort mit 60 bis 70 Dezitonnen je Hektar (dt/ha) durchschnittliche Erträge mit mittleren bis guten Naturalgewichten von 65 bis 70 Kilogramm je Hektoliter.
Nach Unterbrechung der Ernte in einigen Gebieten durch kräftige Niederschläge – beispielsweise Anfang Juli im Kraichgau – reiften Getreide und Raps in der aufkommenden Sommerhitze so zügig, so dass in den Frühdruschgebieten überwiegend im badischen Landesteil gleichzeitig mehrere Feldfrüchte zum Mähdrusch und zur Vermarktung anstanden.
Anfang bis Mitte Juli setzte die Wintergersten-Ernte auch in Württemberg ein. In den dortigen früheren Lagen wurden zunächst gute Erträge mit 70 bis 75 dt/ha und guten Qualitäten erzielt.
In der lang anhaltenden Hitzeperiode wurde in den Frühdruschgebieten die Getreideernte überwiegend bis Ende Juli abgeschlossen. Während in den frühen Lagen Erträge und Qualitäten insgesamt gut ausfielen, gingen sie in den mittleren Lagen hitzebedingt spürbar zurück, wobei die Qualitäten ziemlich stark streuen. In den mittleren Lagen sind hitze- und trockenheitsbedingt Ertragseinbußen von zehn bis 15 Prozent gegenüber dem Vorjahr festzustellen. Besonders auf schlechteren Standorten waren häufig unterdurchschnittliche und auch schlechtere Qualitäten als im Vorjahr hinzunehmen.
Raps brachte in den früheren Lagen Erträge vielfach zwischen 40 und 50 dt/ha, während sie in den mittleren Lagen auf 30 bis 35 dt/ha zurückgingen. Die Qualitäten sind mit Ölgehalten bis zu 44 Prozent überwiegend als gut zu bezeichnen.
Bei heißem Sommerwetter ging der Ertrag vor allem bei dem hitze- und trockenheitsempfindlichen Winterweizen fast täglich zurück. Selbst in frühen Lagen lagen die Erträge um bis zu 15 Prozent niedriger als im Vorjahr – mit ziemlich großen Streubreiten. Spitzenweizen erzielte in den früheren und mittelfrühen Lagen im nördlichen Landesteil 45 bis 75 dt/ha, Qualitätsweizen 65 bis 85 dt/ha. Die Qualitäten sind bei hohen Eiweißgehalten gut.
Mit dem Dauerregen ab August wurde die Getreideernte im ganzen Land jäh unterbrochen. Sie konnte auch bis zum heutigen 29. August nie wieder auf breiter Front aufgenommen werden. Seit Mitte August können in vielen Regionen nur örtlich immer wieder einzelne Partien praktisch vom Feld ‚weggestohlen’ werden.
Der verregnete August führt in den mittleren und späten Lagen vor allem auf der Ostalb und im südlichen Landesteil, beispielsweise im Schwarzwald, auf der Schwäbischen Alb, auf der Baar, in Oberschwaben und im Allgäu, zu teilweise katastrophalen Ernteverhältnissen sowie zu steigenden Ertrags- und Qualitätseinbußen. Mit jedem Tag, an dem das Getreide länger auf dem Halm stand und noch immer steht, werden der Feuchtegehalt höher und die Trocknung teurer.
Bis Ende August standen im Süden Baden-Württembergs örtlich teilweise noch bis 90 Prozent des Getreides auf dem Halm, so zum Beispiel im Nordschwarzwald. Insgesamt war bis Wochenbeginn in Südwürttemberg und auf der Ostalb bei Weizen, Hafer und Braugerste nur etwa die Hälfte gedroschen. Hier drohen mit jedem Tag Ernteverzögerung weitere Ertrags- und Qualitätsverluste. In manchen Gebieten kam es durch Unwetter und Hagelschlag sogar zu Totalverlusten. Weiter ist zu befürchten, dass das noch nicht geerntete Getreide ganz überwiegend nur noch in der Fütterung oder in Biogasanlagen eingesetzt werden kann.
Zusammenfassend ist zum aktuellen Erntestand festzustellen, dass wir in diesem Jahr ein ganzes ausgeprägtes Nord-Süd-Gefälle in Baden-Württemberg haben. Während im Rheintal und in Nordwürttemberg mit Ausnahme der Ostalb mittlerweile bis Ende August das Getreide überwiegend eingebracht werden konnte – von einigen Ausnahmen abgesehen – stehen in den mittleren und höheren Lagen im südlichen Landesteil insgesamt noch rund 30 Prozent des Getreides, örtlich sogar noch bis zu 90 Prozent, auf dem Halm. Entsprechend gibt es auch ein Nord-Süd-Gefälle bei den Erträgen und den Qualitäten. Insgesamt in Baden-Württemberg dürften rund 15 Prozent der Getreideernte noch ausstehen.“
Entwicklung auf den Getreide- und Ölsaatenmärkten
„Wir freuen uns, dass weltweit die Getreidepreise ansteigen und auch auf längere Sicht einen Trend nach oben haben“, erklärte Hockenberger. Die höheren Erzeugerpreise könnten aber nicht die teilweise massiven Ertragsverluste und Qualitätseinbußen ausgleichen.
„Der weltweite Verbrauch liegt bei Getreide seit acht Jahren – mit einer Ausnahme – über der Produktion“, teilte Hockenberger mit. Der Bauernpräsident bezieht sich dabei auf den jüngsten Bericht des US-Landwirtschaftsministeriums, wonach die weltweite Getreideproduktion in den letzten acht Wirtschaftsjahren einschließlich der Marktschätzung für 2006/07 nur im Wirtschaftsjahr 2004/05 den weltweiten Verbrauch unterschritten hat.
Die erwarteten Ernten fallen in diesem Jahr weltweit in vielen Staaten geringer als im Vorjahr aus, was die aufsteigende Preistendenz festigen dürfte. So werden erhebliche Produktionsausfälle unter anderem in den USA, Kanada, Australien und wichtigen Getreideproduktionsländern in Asien, aber auch in der Ukraine und in Russland erwartet. Dem stehen höhere Nachfragemengen aus bevölkerungsreichen Ländern wie China und Indien gegenüber.
Der weltweite Trend der Getreidepreise nach oben ist auch in der EU, in Deutschland und in Baden-Württemberg deutlich zu spüren. Hockenberger erwartet deshalb und auch angesichts des diesjährigen Ernteverlaufs „deutlich höhere Erzeugerpreise, die für Standardqualitäten mindestens 15 bis 30 Euro je Tonne über dem Vorjahr liegen, je nach Getreideart“. Auch die Zuschläge für Spitzenqualität müssten in entsprechendem Umfang ansteigen, erklärte der Bauernpräsident.
An den Waren- und Produktenbörsen in Mannheim und Stuttgart stiegen die Großhandelsnotierungen in den vergangenen Wochen deutlich an. Sie betragen aktuell bei ! Brotweizen 127 bis 130 (Vorjahr: 102 bis 104) Euro/Tonne ! Brotroggen 114 bis 118 (Vorjahr: 97 bis 99) Euro/Tonne ! Braugerste 150 bis 155 (Vorjahr: 128 bis 130) Euro/Tonne ! Schälhafer 118 bis 120 (Vorjahr: 86 bis 90) Euro/Tonne ! Futtergerste 100 bis 104 (Vorjahr: 93 bis 95) Euro/Tonne
„Die höheren Getreidepreise sind für uns Landwirte dringend erforderlich, um bisher verschobene betriebliche Zukunftsinvestitionen jetzt zu tätigen, die höheren Kosten vor allem bei der Energie abzufedern und auf längere Sicht die Liquidität und unsere Existenzen zu sichern“, betonte Hockenberger. „Wir brauchen noch höhere Erzeugerpreise für alle unsere landwirtschaftlichen Produkte, damit auch zukünftig in Baden-Württemberg eine wettbewerbsfähige Landwirtschaft einheimische Agrarrohstoffe und hochwertige Lebensmittel erzeugt und die Verbraucher weiterhin die Auswahl zwischen heimischen und anderer Produkten haben.“
Den Markt bedienen und kontinuierlich zukaufen
Hockenberger appellierte an alle Marktbeteiligten, jetzt „nicht einseitig und riskant“ Getreide vom Markt fernzuhalten oder nicht für die Verarbeitung einzukaufen, sondern für die erforderliche kontinuierliche Vermarktung zu sorgen. Er wies darauf hin, dass die Einlagerung auf landwirtschaftlichen Höfen Kosten verursache, die es zu bedenken und genau zu kalkulieren gelte.
Erfassungsunternehmen und Landwirte rief er dazu auf, gemeinsam die Getreideanlieferung und Logistik zu optimieren, um die beste Verwertung der Ernte zu erzielen. An die Verarbeitungsunternehmen wie Mühlen und Mälzereien appellierte er, für einen kontinuierlichen Zukauf zu sorgen und nicht weiter abzuwarten, weil angesichts der weltweiten Versorgungssituation auf absehbare Zeit nicht mehr mit zurückgehenden Getreide- und Ölsaatennotierungen zu rechnen sei. Es gelte jetzt, „mit Augenmaß“ die Vermarktung und Bedienung der Märkte vorzunehmen und nicht mit höchst spekulativem Risiko die eigene Existenz zu gefährden. In diesem Sinne forderte Hockenberger die Verstärkung der gemeinsamen Produktions- und Vermarktungsanstrengungen, in die auch die Verarbeitungsunternehmen mit einbezogen werden sollten.
Steigende Getreidepreise kein Grund für höhere Brot- und Bierpreise
Die höheren Erzeugerpreise in diesem Jahr hätten keine Auswirkungen auf den Brot- und Brötchenpreis, betonte Hockenberger. Bei dieser Lebensmittelgruppe betrage nämlich der Rohstoffanteil nur rund fünf Prozent am Verbraucherpreis.
Wer also eventuelle Brotpreiserhöhungen ausschließlich mit den höheren Getreidepreisen begründe, lasse die 95 Prozent der Gesamtkosten völlig außer Betracht, die beispielsweise Energie, Personal-, Maschinen- und Gebäudeinvestitionen beinhalten.
Der Bauernpräsident erklärte, dass das entsprechend auch für den Bierpreis gilt. Hier betrage der Anteil von Braugerste am Verbraucherpreis je nach Art und Preisniveau des Bieres zwischen zwei und fünf Prozent (siehe Tabelle 3).
Die Anbausituation bei Getreide und Ölfrüchten
Im Vergleich zum Vorjahr gibt es 2006 nach Angaben des Statistischen Landesamtes gewisse Flächenverschiebungen zwischen den einzelnen Getreidearten (siehe Tabelle 1).
Die Ackerfläche insgesamt verringerte sich um knapp 1,1 Prozent auf 829.900 Hektar (ha). Die Getreidefläche ging um 1,5 Prozent auf 541.600 ha zurück.
Winterweizen (einschließlich Dinkel) legte 2006 gegenüber dem Vorjahr um etwa 2,9 Prozent auf 221.000 ha zu. Die Anbaufläche von Wintergerste blieb gegenüber dem Vorjahr mit 100.500 ha praktisch unverändert. Der Roggen konnte mit einem Plus von 6,9 Prozent seine flächenmäßig geringe Bedeutung nicht verändern.
Die Anbaufläche von Sommergerste, die überwiegend als Braugerste Verwendung findet, nahm um weitere 10,0 Prozent gegenüber dem Vorjahr auf noch 82.900 ha ab, nachdem sie bereits 2005 drei Prozent Flächenanteil verloren hatte. „Hier sind deutlich höhere Erzeugerpreise nötig, wenn die hiesigen Mälzereien weiterhin hochwertigen heimischen Rohstoff zu Malz verarbeiten wollen“, unterstreicht hierzu Hockenberger.
Bei Hafer sank die Anbaufläche gegenüber dem Vorjahr erneut um 8,6 Prozent auf 30.900 ha; bereits 2005 hatte er rund zehn Prozent Fläche verloren.
Die Fläche für Ölfrüchte wie insbesondere Winterraps blieb mit 71.700 (Vorjahr: 71.500) ha nahezu konstant, nachdem sie im Vorjahr um rund acht Prozent gestiegen war.
Die Ernte- und Marktsituation bei anderen pflanzlichen Erzeugnissen
Kartoffeln Die rückläufige Entwicklung des Kartoffelanbaus in Baden-Württemberg setzt sich fort. Insgesamt werden nur noch etwa 6000 (Vorjahr: 6500) ha angebaut, davon rund 800 ha Frühkartoffen. Der Frühkartoffelanbau konzentriert sich im Wesentlichen auf das Unterland sowie in kleinerem Umfang auf Südbaden.
Zu Beginn der Ernte Mitte bis Ende Juni lagen die Erzeugerpreise mit 40 Euro/dt doppelt so hoch wie im Vorjahr (20 Euro/dt). Am Ende der offiziellen Frühkartoffelsaison am 10. August betrugen die Preise 20 Euro/dt. Dieses Preisniveau hält sich derzeit recht gut, da Kartoffeln in diesem Jahr bundesweit knapp sind. 2005 lagen sie zur selben Zeit nur bei 7 bis 8 Euro/dt. Die Erträge liegen deutlich unter dem mehrjährigen Mittel. Die Kartoffelpreise könnten damit das derzeitige Niveau behaupten. Viele Landwirte vermarkten Kartoffeln direkt und können so höhere Erlöse als beim Absatz an den Handel erzielen.
Gemüse Der Frischgemüsemarkt war bisher im Vergleich zum Vorjahr als Folge der langen Hitzeperiode durch Ertragseinbußen gekennzeichnet. Nach dem Preisdruck im Juni konnten sich die Erzeugerpreise so wieder etwas erholen. Der Mengen- und Preisdruck aus anderen EU-Staaten und dem Mittelmeerraum bleibt jedoch spürbar. Die Anbaufläche liegt etwa auf Höhe des Vorjahres. Die Gartenbauerhebung erbrachte 2005 eine Gemüseanbaufläche von 8.468 ha. Vor zwei Jahren war sie stark ausgedehnt worden. Damals war es aufgrund schwacher Nachfrage zu Preisdruck und einem historischen Preistief gekommen.
Kernobst (Äpfel) Die Frühapfelangebote setzten Mitte August rund ein bis zwei Wochen später als 2005 ein. Mittlerweile nimmt ihr Handelsvolumen am Markt schon wieder deutlich ab, den jetzt zunehmend frühe Herbstäpfel wie Elstar und Gala bestimmen.
Am Bodensee wird dieses Jahr mit geschätzten 225.000 t eine um rund 3 Prozent gegenüber dem Vorjahr (218.500 t) höhere Ernte erwartet. Gegenüber dem fünfjährigen Durchschnitt bedeutet das ein Plus von rund einem Prozent. Bei Streuobst wird ein höheres Aufkommen wie im Vorjahr erwartet. Die gesamte Baumobstfläche liegt bei 19.200 ha, inklusive Beeren bei 24.000 ha.
Die Marktsituation bei tierischen Erzeugnissen
Ferkel Im vergangenen Jahr lag der durchschnittliche Preis für 25-kg-Ferkel bei 43 Euro und damit höher als 2004 (38 Euro). In der ersten Hälfte dieses Jahres stieg er auf 53 Euro. Aktuell ist der Preis allerdings wieder deutlich gefallen und liegt bei 49 Euro.
Mastschweine Für Mastschweine der wichtigsten Handelsklasse E, die rund 80 Prozent des Angebots ausmacht, lag der durchschnittliche Auszahlungspreis im vergangenen Jahr bei 1,45 (2004: 1,42) Euro je kg Schlachtgewicht. Von Januar bis Juni dieses Jahres wurden 1,48 Euro je kg erreicht. Aktuell liegt der Preis bei 1,75 Euro je kg.
Schlachtrinder Der Durchschnittspreis für Jungbullen der bedeutendsten Handelsklasse R 2 lag im vergangenen Jahr bei 3,02 Euro je kg Schlachtgewicht. In den ersten sechs Monaten des laufenden Jahres hat er sich auf 3,24 Euro je kg verbessert. Aktuell steht der Preis bei 3,00 Euro je kg Schlachtgewicht.
Milch Bei der Milch hielt der Rückgang der Erzeugerpreise bisher weiter an. Nach dem Höchststand 2001 von 34,90 Cent je kg sank der Preis in den Folgejahren stetig ab. Im vergangenen Jahr lag der Erzeugerpreis bei Standardbedingungen (3,7 Prozent Fett, 3,4 Prozent Eiweiß, frei Molkerei) bei 27,60 Cent je kg. Im ersten Halbjahr dieses Jahres wurden durchschnittlich 26,90 Cent je kg erzielt, jeweils netto.
30.08.2006
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